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Do 09 Mär 2017
18:00–19:30
Zentrum für Zeithistorische Forschung, Am Neuen Markt 9d, 14467 Potsdam

Prisma Ukraïna Lecture Series

Leonid Breschnew oder die Kunst einen westlichen Staatsmann zu mimen

Susanne Schattenberg (Universität Bremen), Chair: Martin Sabrow (ZZF Potsdam)


Die sowjetische Diplomatie befand sich von Beginn an vor dem Dilemma, das westliche Protokoll als bourgeois abzulehnen, aber kein eigenes, „sozialistisches“ Comme-il-faut entwickeln zu können. Jeder der sowjetischen Parteiführer ging mit diesem Widerspruch anders um: Während Chruschtschows Freude an der Provokation legendär war, wählte Breschnew das genaue Gegenteil: Er versuchte mit seiner Kleidung, seinen Gesten und Worten den westlichen Staatsmann zu mimen. Er wusste, dass er nur dann eine Chance hatte, von seinen westlichen Gesprächspartnern ernst genommen zu werden, wenn diese in ihm einen „gewöhnlichen Mann“ und keinen „Apparatschik“ sahen. Es wird gezeigt, wie erfolgreich diese Strategie in der ersten Hälfte der 1970er Jahre wirkte, und wie negativ die Auswirkungen waren, als Breschnew zu diesen Inszenierungen nicht mehr in der Lage war.

Susanne Schattenberg ist Direktorin der Forschungsstelle Osteuropa und Professorin für Zeitgeschichte und Kultur Osteuropas an der Universität Bremen. Ihre Breschnew-Biographie wird im Herbst 2017 im Böhlau-Verlag erscheinen. Ihre Forschungsgebiete sind die späte Sowjetunion, die Kulturgeschichte der Diplomatie, der Stalinismus und die Verwaltungsgeschichte im Zarenreich. Susanne Schattenberg studierte Geschichte, Slawistik und Psychologie in Hamburg, Leningrad und Konstanz. Sie wurde 1999 an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt Oder mit einer Arbeit zu „Stalins Ingenieuren“ promoviert und 2006 an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Schrift über die „Korrupte Provinz?“  habilitiert